Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.V.
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und Internationale Gesundheit e.V.
 
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Geschichte der DTG

Vom Kolonialismus zur Geomedizin

 

von Dr. med. Friedrich Hansen

 

Mein Vortrag über die Geschichte der Deutschen Tropenmedizinischen Gesellschaft bis 1950 handelt, wenn ich das so sagen darf, von einem Paradigmenwechsel in der Tropenmedizin, dem Wechsel vom Kolonialre visionismus zur Geomedizin. Im Grund genommen geht es jedoch dabei um die Umkehrung eines noch älteren Paradigmenwechsels in der Bakteriologie, der bereits im 19. Jahrhundert stattfand. Bekanntlich wurde der Aufstieg der Bakter iologie in Deutschland begleitet von dem berühmten Gelehrtenstreit zwischen Robert Koch und Max Pettenkofer. Ich werde zu zeigen versuchen, wie diese Kontroverse auc h die Tropenmedizin noch bis weit in unser Jahrhundert beeinflußt hat.

Um 1850 war der Münchner Mediziner Max Pettenkofer die dominierende Persönlichkeit der Seuchenpolitik und zugleich auch der Begründer der Hygiene in Deutschland. Seine 'lokalistische Miasmale hre' besagte daß für die Entstehung einer Seuche nicht in erster Linie der Krank heitserreger, sondern Verunreinigungen des Bodens durch giftige Gase, Miasmen genannt, verantwortlich zu machen sind. Seine Anhänger bildeten noch bis in die 90er Jahre des letzt en Jahrhunderts eine Mehrheit unter den deutschen Ärzten Pettenkofers Ge genspieler Robert Koch vertrat dagegen die Ansteckungstheorie. Diese maß dem Kr ankheitserreger, Kontagion genannt, bei der Seuchenausbreitung die ent scheidende Rolle zu. Koch konnte seine Theorie am Beispiel der Hamburger Choleraepidem ie von 1892 überzeugend demonstrieren. Er erklärte die Epidemie durch die Ausbreit ung des Cholera - Erregers im Trinkwasser was Pettenkofer ent schieden bestritt.

Der britische Historiker Richard Evans hat in seiner- Studie über die Choleraepidemie gezeigt, wie der wissenschaftliche Paradigmawechsel zugunsten von Koch mit dem politischen Wandel Deutschlands im ausgehenden 19. Jahrhunderts korrespondierte. Kochs Triumph war danach nicht allein se iner wissenschaftlichen Überlegenheit zuzuschreiben, sondern der Übereinstimmu ng seines Konzepts mit den politischen Vorgaben der Reichsgründung. Dazu gehörten erstens pr eußische Dominanz über Deutschland und zweitens nationales Prestige durch wissenschaftliche Paradestücke, die Koch in diesen Jahren in Serie ablieferte.

Als Folge der Choleraepidemie wurde um die Jahrhundertwende das Hamburger Tropeninstitut und bald darauf, nämlich im September 1907, die "Deutsche Tropenmedizinische Gesellschaft" gegründet. Unter dem Vorsitz von Bernhard Nocht versammelten sich zur Gründungsversammlung in Berlin 68 Tropenmediziner Außer ihm wurden Erwin von Baelz, Friedrich Fü lleborn, Carl Mense und Arthur Meiner in den Vorstand gewählt. Die erste wissenscha ftliche Tagung fand ein Jahr später in Hamburg statt. 1909 trafen sich in Berlin bereits 150 Mitglieder. Vorträge hielten dort u.a. Paul Ehrlich Ernst Rodenwaldt, Peter Mühlens und - damals noch ganz selbstverständlich - auch zwei jüdische Wissenschaftler: Martin Mayer aus Hamburg und Josef Jaffé aus Berlin.

1912 tagte die Gesellschaft wieder in Hamburg das sich mit seinem Kolonialinstitut damals zum Zentrum der deutschen Tropenm edizin mauserte. Die Gründung einer internationalen Tropenmedizinischen Gesell schaft die von deutscher Seite seit 1907 betrieben worden war, scheiterte übrigens am Vorabend des 1. Weltkrieges bei einem Treffen in London.

Nach der deutschen Niederlage von 1918 sah sich die deutsche Tropenmedizin wie die Kolonialpolitik internati onaler Kritik ausgesetzt. Stel lvertretend für andere wurde in offiziellen Ansprachen wiederholt Charles Laveran's Diktum zitiert, wonach Deutschland für immer auf koloniale und tropenmedizinische Ambitionen werde verzichten müssen. Auch auf deutscher Se ite gab es Ressentiments. Sie richteten sich einseitig gegen jüdische Wissenschaftl er, die sich in der experimentellen Naturwissenschaft hervorgetan hatten. Darunter auch Kontagionisten in der Nachfolge Koch, die en inzwischen als Bazillenjäger verspottet.

In den Jahren allgemeinen Mangels fanden Versammlungen der DTG ausschließlich in Hamburg statt: 1922 und 1925. Die Notgem einschaft der deutschen Wissenschaft gab Zuschüsse, damit die Referate der Tagungen überhaupt erscheinen konnten. Bernhard Nocht übte als Vorsitzender der DTG und gleichzeitiger Direktor des Hamburger Tropeninstituts einen überragend en Einfluß aus. Er konnte zu dessen 25jährigen Jubiläum zufrieden feststellen, die feindselige Haltung des Auslandes habe sich aufgelöst und man sei auf inte rnationalen Kongressen wieder gefragt. Dazu hatten wichtige pharmakologisc he Neuentwicklungen aus deutschen Labors beigetragen, Präparate wie Yatren (gegen Amöbenruhr), Stibosan und vor allem Germanin zur Bekämpfung der Schlafkran kheit, das international Schlagzeilen gemacht hatte. Über das Germa nin schrieb der Oxforder Bi ologe Julian Huxley schon 1923, diese Entdeckung würde den Alliierten wahrscheinl ich mehr einbringen, als alle deutschen Reparationen zusammen genommen.

Eine großzügige deutsche Spende der DTG an die britische Schwestergesellschaft wurde für den Bau des Londoner Manson-Haus es verwendet. Mit dieser Geste wollte man internationales Vertrauen zurückgewinn en. Gleichzeitig wurde 1925 durch eine Stiftung des Hamburger Senats und der Handelskammer die Bernhard-Nocht- Medaille geschaffen.

Nocht gab 1930 wegen Überschreitung der Al tersgrenze die Leitung des Hamburger Tropeninstituts an Fülleborn ab, blieb aber weiterhin Vorsitzender der DTG. Fülleborn starb bereits 1933. Schadewaldt brachte seinen unerwarteten Tod damit in Verbindung, daß er ,,von nat ionalsozialistischen Intrigen zermürbt" gewesen sei. Nach heftigen Auseinandersetzungen um se ine Nachfolger gelang es schließlich dem Vorstand, Peter Mühlens gegen den Kandidaten der NSDAP-Reichsleitung durchzusetzen. Dabei handelt es sich um Ernst Rodenwaldt, dessen unaufhaltsamer Aufstieg an die Spitze der deutschen Tropen medizin mit dieser Niederlage begann. Rodenwaldt war langjähriger Redakteur des völkischen Massenblattes 'Volk und Rasse' und seit 1933 Mitherausgeber des 'Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie'. Dort arbeitete er mit den führenden Rassentheoretikern des Dritten Reichs zusammen.

Im Sog der Rassenideologie gewannen auch miasmatische Konzepte buchstäblich wieder an Boden. Die Renaissance der Seuchenlehre Pettenkofers wurde 1931 von Heinz Zeiß unter dem Na men Geomedizin eingeläutet. Zeiß, der bald zum engsten Verbündeten Rodenwaldts werden sollte, ve rstand darunter die "Wissenschaft von der raumbezogenen Medizin" und l egte Wert auf die Festste llung, sie sei keine Kopie der Gedanken Pettenkofers, sondern deren logische Weiterentwicklung. Geografisch orientierten sich die Geomediziner nicht nach Afrika , sondern nach Osteuropa und Rußland, wo Zeiß während der zwanziger Jahre epidemiologische Erfahrungen gesammelt hatte. Zur rechten Zeit hatte er sich 1935 in Berlin eingefunden, um den begehrten Berliner Hygienelehrstuhl zu besetzen, den der jüdische Gewerbehygieniker Martin Hahn räumen mußte. 1935 endete mit dem Verzicht des Kochschülers Nocht auf den DTG-Vorsitz eine vergleichsweise harmonische Ära. In den folgenden Jahren geriet die Gesellsch aft mehr und mehr unter den Einfluß starker politischer Gegensätze.

Eine bedeutende wissenschaftliche Kontrove rse entzündete sich an der Frage der Virulenzfaktoren von Epidemien. Ganz heitlich und deduktiv argumentierende Neomiasmatiker von Zeiß und Rodenwaldt bis hin zu Eyer und Mrugowsky machten für Virulenzunterschiede Boden, Klima und rassische Disposition verantwortlich. Anders die experimentell und induktiv geprägten Kontagi onisten wie Wohlrab, Otto oder Rose. Diese lokalisierten die Viru lenzänderungen im Seuchenerreger selber und erklärten sie durch um weltabhängige Mutationen oder Modifìkationen. Erich Martini saß mit seinem Vektorkonzept zwischen den Stühlen. Seine Auffassung erscheint uns im Rückblick als die moder nste, denn er erklärte Virulenzänderungen durch Vektoren und Tierpassagen. Auch Mart ini erwies Pettenkofer seine Referenz, warnte aber zugleich vor einer Untersc hätzung der Mikrobenjäger und ihrer Erfolge. Martini sprach von Vektoren als 'mia smatischen Erregern' und stellte dem klassischen Contagium vivum ein Miasma vi vum als 'genius epidemicus' zur Seite.

Während der gesamten Periode des durch die Nazis ausgelösten politischen Umbruchs hatte die DTG keine Mitgliederversammlung und Neuwahlen durchgeführt. Dieser satzungswidrige Interimszustand dau erte von 1929 bis 1936. Ende Oktober 1936 wurde wieder ein neuer DTG-Vorstand gewählt, der dann bis zum Schluß im Amt blieb. Nachfolger von Nocht wurde Pe ter Mühlens, sein Vertreter Hans Ziemann, Schriftfuhrer wurde Curt Sonnenschein, des sen Vertreter Ernst Georg Nauck. Im wissenschaftlichen Teil der Tagung referierte Nauck über "Rasse und Gesunderhaltung sowie Siedlungsfragen in den warmen Ländern" und Ziemann über "Kriegsmalaria und ihre Folgen". Die Tag ung war sehr gut besucht und viele Teilnehmer beantragten die Aufnahme, darunt er Gerhard Rose vom Robert Koch- Institut.

Deutsche Tropenmediziner erhielten während der Nazizeit so gut wie keine Ehrungen aus dem Ausland. Zum letzte Ma l war die Ehrenmitgliedschaft der englischen Gesellschaft 191 1 an Ziemann verliehen worden.

Mitte der dreißiger Jahre kam es nach der ideologischen auch zu einer formellen Verknüpfung von Tropenmedizin und Rassenhygiene. Dazu gehörte beispielsweise die Verleihung des Pettenkofer-Preises an den Nestor der deutschen Rassenhygiene Alfred Ploetz im Jahr 1934. Zwei Jahre später wurde im Rahmen der Gleichschaltung der Wissenschaften die "Deutsche Gesellsc haft für Hygiene" gegründet. Ihr mußten sämtliche Fachgesellschaften aus dem präv entiven Sektor beitreten. Dazu gehörten auch die DTG und die Deutsche Gesellscha ft für Rassenhygiene. Die Satzung der letzteren mit ihren Rassekriterien wurde nun für die DTG zum Vorbild.

Der am Hamburger Tropeninstitut tätige Sc hriftführer Kurt Sonnenschein war nicht nur ein überzeugter Nationalsozialist, sondern auch langjähriges Mitglied der "Gesellschaft für Rassenhygiene" gewesen. Er nahm sich mit entsprechendem Eifer der rassistischen Säuberungen in der DTG an.

Die planvolle Ausgrenzung der jüdischen Mitglieder aus der DTG; begann damit, daß man aufhörte, ihre Mitgliedsbeiträge einzufor dern. In einem weiteren Schritt sorgte der Vorstand dann durch eine Satzungsänderung für die Möglichkeit des Ausscheidens der Säumigen. Wer mit zwei Jahresbeiträgen überfä llig und Jude war, wurde stillschweigend gestrichen, währ end säumige Nichtj uden gemahnt wurden.

Einen Überblick über die rassistischen Säuberungen gibt eine Aufstellung von Sonnenschein, aus dem Jahr 1936. Da rin sind sieben sichere und elf fragliche deutsche Nichtarier als ausgeschieden verzeic hnet. Darunter finden sich prominente Namen wie Max Neisser neben weniger bekannt en wie die bereits erwähnten Martin Mayer und Josef Jaffe.

Besondere Anstrengungen unt ernahm der Vorstand, um die Regierungs- und Schutztruppenärzte aus den ehema ligen deutschen Kolonien wi eder zu mobilisieren. Darin sah man einen direkten Beitrag zu r Vorbereitung der erneuten Inbesitznahme derselben. Sonnenschein schrieb: "Bei der erheblichen Verminderung der Mitgliederzahl durch Tod, Juden und Austritte bemühe ich mich, die Lücken durch Neuaufnahmen zu schließen." 107 ehemalig e Kolonialärzte wurden ausfindig gemacht und angeschrieben. 1937 kam en durch diese Bemühungen 85 neue Mitglieder hinzu. Aber auch international be kannte Forscher wie Philip Manson - Bahr aus London und der Franzose Lanoy traten in die DTG ein.

Bald nach Kriegsbeginn kam es zu politi schen Auseinandersetzungen in der DTG, in deren Folge sich zwei Flügel bildeten. Die Mehrheit des Vo rstandes, setzte unter der Führung von Mühlens auf die Rückgewi nnung der ehemaligen deutschen Kolonien in West-, Südwest und Ostafrika. Zu dieser Gruppe zählten auch einige Berliner Tropenmediziner am Robert Koch-lnsti tut. Demgegenüber favorisierte der Rodenwaldt-FIügel, der organisatorisch an der Militärärztlichen Akademie in Berlin angesiedelt war, die Kolonisierung des Os tens. Rassisten gab es auf beiden Seiten.

Nach dem Tod Ziemanns im Dezember 1939 stritt man auch um Personalfragen, um seinen Nachfolger. Ziemann war Leiter der Abteilung für Tropenpathologie an der Berliner Militärärztlichen Akademie gewesen und den Hamburger Tropenmedizinern stets loyal verbunden. Als dann 1940 Rodenwal dt die Abteilung übernahm, beeilte er sich, sie zu einem vollst ändigen Tropeninstitut auszubauen.

Zu dieser Zeit plante Mühlens ei ne Arbeitstagung zum Thema "koloniale Gesundheitsführung in Afrika". Er ent wickelte dafür se in Konzept des Kolonialrevisionismus. Mühlens erkannte das Dilemma, daß sich ein deutscher Führungsanspruch in den Tropen wegen der langjährigen kolonialen Abstinenz kaum empirisch untermauern ließ. Deshalb sollte Nocht ihm eine historisch-revisionistische Legitimation mit einem Vortrag über die Geschichte der Malariabekämpfung in den ehemals deutschen Kolonien liefern. Nocht verweigerte dies mit dem Hinweis, es fehle ihm sein theoretischer Zuarbeiter. Ge meint war Martin Maye r, der bereits Opfer der antisemitischen Säuberu ngen geworden und ins Auslan d geflohen war. Nochts Argumente gegen die Malaria als Parades tück des Revisionismus sind ganz pragmatisch: "Man müßte sich ...eingehend mit den Bekämpfungsmaßnahmen während der deutschen Verwaltung vor dem Krieg und denen, die die Engländer, Franzosen und Südafrikaner nach dem Kr ieg durchgeführt haben, beschäftigen.. ..oder sich auf eine Erörte rung der allgemeinen Grundsät ze beschränken, die heute überall für die Malariabekämpf ung gelten und darin gipfeln, daß der alte Streit um den Vorzug der verschiedenen Methoden de r Malariabekämpfung endgültig in dem Sinn erledigt ist, daß man sie alle anwenden soll und keine ... vernachlässigen darf..." Einer Anekdote zufolge bekämp ften die Deutschen die Malaria durch Geländesanierung, die Briten durch Umsi edlung der Einheimischen und die Belgier durch das Verfassen von Bericht en, die sie nach Brüssel sandten.

Ende Juni 1940 reist Mühlens nach Polen, um dort die Fleckfieber-Forschungsstelle des Tropeninstituts zu besuc hen, die von Nauck geleitet wurde. In Warschau war nach dem Überfall der deutschen Wehrmach t und der Gettoisierung der jüdischen Bevölkerung die Zahl der Fleckfieberkranken in die Höhe geschnellt. Mühlens bezeichnete in einem Brief an Nocht eine ih m vorgeführte "Entlausungs- Anstalt als eine Belausungsanstalt" und fügte hinzu: ,, Wie will man auch 600 000 Juden, die in ihren zum Teil zerstörten Ghettos in äußerst verwahrlostem Zustand vegetierend zusammenhausen, mit sicherem Erfolg ent lausen?" Ich habe mich an anderer Stelle mit dem Warschauer Getto unter dem Aspek t der biologischen Kriegführung befaßt und will deshalb hier ni cht näher darauf eingehen.

Nach seiner Rückkehr mußte Mühlens fe ststellen, daß Martini dem Hamburger Tropeninstitut den Rücken gekehrt und sich zu Rodenwaldt nach Berlin abgesetzt hatte. Mühlens berichtete Nocht, auch die Hamburger Tropenkurse würden als zivile von den Berliner Militärärzten sabotiert. ,,Es scheint also jetzt schon in der Heimat ein Gegensatz zwischen Militär-Kolonialärzten und Zivil-Kolonialärzten zu bestehen...", schrieb er.

Mühlens entwarf daraufhin einen ta ktischen Plan, mit dem Ziel, durch Vorstandsumbesetzung und Medaillen eine Spaltung der DTG abzuwenden. All das besprach er in einer umfangreichen Korrespondenz mit Nocht, von dem er angesichts der Berliner Machenschaften Soli darität einforderte. Er überredete ihn, zum bevorstehenden 40jährigen J ubiläum des Hamburger Tropeninstituts ein programmatisches Statement über "Eingeborenenhygiene" in Afrika abzugeben.

Trotz kriegsbedingter Widrigkeiten konnte die Tagung, wie vorgesehen, Anfang Oktober 1940 in Hamburg abgehalten werden. Die Mitgliederzahl war inzwischen auf über 280 angestiegen. Mühlens umsichtige Vorbereitungen trugen ihre Früchte. Keiner der eingelad enen Berliner Widersacher ent zog sich. Kleine wurde als Nachfolger von Ziemann in den DTG-Vors tand gewählt, Rodenwaldt und Rose in den erweiterten Vorstand berufen. Alle nahmen die Wahl an.

Den wissenschaftlichen Teil der T agung eröffnete Mühlens mit seinem Rechenschaftsbericht. Darin versuchte er die Berliner Konkurrenz noch rechts zu überholen: "Es darf und kann in unseren Kolonien nur einen Arzttyp geben: den deutschen Kolonialarzt. Und den müssen wir jetzt formen. Dabei kommt es darauf an, daß er 1. bis auf die Knochen ein guter deutscher Nationalsozialist ist, 2. ein in jeder Hinsicht ausgebildeter Arzt sein muß, der jeden Posten einzunehmen und voll auszufüllen gewillt ist.." Zum Abschluß wu rde die Bernhard Nocht-Medaille an neun Tropenmediziner verliehen, darunter Rodenwaldt und Walter Kikuth von den Bayer- Werken. Nocht betonte in seinem St atement über Einge borenenhygiene, dem Paradestück der Kolonialrevisionisten, "daß eine ausgedehntere Besiedlung des tropischen Afrikas mit Deutschen nicht in Frage kommt und damit der Eingeborene zum wichtigsten Aktivum für die Entwicklung dieser Gebiete zu gelten hat." Es folgten Referate der Veteranen des kolonialärztlichen Dienstes. Großen Wert legten die Redner auf Vergleiche ihrer Gesundhei tsdienste mit jenen der späteren Mandatsmächte, die allesamt zu deren Nachteil ausfielen. Die Tagung war für Mühlens ein voller Erfolg.

Der nächste Konflikt ließ aber nicht lange auf sich warten. Denn beide Protagonisten der DTG Mühlens und Rodenwald t, planten für 1942 jeweils eigene tropenmedizinische Tagungen. Mühlens war diesmal im Nachteil. Wegen seines Nierensteinleidens vom Kriegsdi enst befreit, war er in seinem Hamburger Institut von den Diskussionen der Militärhygieniker abgek oppelt. Sein Ansinnen, mitten im Krieg einen internationalen Tropenmed izinischen Kongreß mit dem Schwerpunkt Afrika zu veranstalten, scheiterte an der ablehnenden Haltung der Wehrmachtskreise.

Rodenwaldt traf mit seiner Idee einer exklusiven Kriegstagung nur für die Wehrmacht die Stimmung besser. So fand im Ma i 1942 die "Ost-Tagung der Beratenden Ärzte der Wehrmacht" in Berlin statt. Mühlens verließ beleidigt und gedemütigt die Tagung, als er erfuhr, daß dort ohne sein Mitwir ken das geheime Malariamittel Sontochin (Nivaquine) vorgestellt werden sollte. An Sontochin hing Mühlens Prestige. Es war jahrelang exclusiv am Tropeninstitut im Auft rag der Firma Bayer von Mühlens erprobt worden. Die Sache hatte eine Nachspiel. Im September gab es wegen des Sontochins zwischen Mühlens und Sanitäts chef Handloser wie es hieß ,,großen Krach". Mühlens trat nun die Flucht nach vorn an und macht die Präsentation seiner Sontochinprophylaxe der Malaria zum Hauptthema der geplanten Wiener DTG- Tagung, die inzwischen auf März 1943 ver schoben worden war. Im Dezember 1942 reiste er nach Wien, um mit Baldur von Schirach das Rahmenprogramm zu besprechen. Wegen der immer schwieriger werdenden militärischen Lage erhielt er zahlreiche Absagen von Wehrmachtsangehör igen. Nauck, bei der Kriegsmarine in Bulgarien im Einsatz, ri et ihm, sich auf die gegenwärtigen Kriegsschauplätze zu konzentrieren, also Südosten, Schwarzes Meer, Ägäis, Mittelmeerraum. Diesen Vorschlag machte sich Muhlens zu eigen. Außerdem holte er sich in Berlin Rückendeckung für seine Tagung v on Generalkommissar Karl Brandt und Reichsärzteführer Conti.

Im Januar 1943 überraschte Handloser Mühlens mit seinem Besuch in Hamburg, um erneut mit ihm über Sontochin zu verhandel n. Mühlens versuchte, von Handloser Zusagen über die notwend igen Kommandierungen und B eurlaubungen für seine Märztagung zu bekommen. Viel scheint er nicht erreicht zu haben. Entnervt schrieb er Nauck: "Wenn man jetzt wieder quer schießt und womöglich unsere Tagung vereitelt, dann schmeiße ich den ganzen Laden hin.." Es ging ihm bei der Sontochin- Affäre nicht nur um das wissenschaftliche Pr estige der Erstveröffent lichung. Im Streit mit Handloser spielte vermutlich der Vorwurf des Verrats an kriegswichtigen militärischen Geheimnissen die entscheidend e Rolle. Mühlens mußte sich mehrfach gegen derartige Vorwürfe verteidigen. Gegenüber Kikuth machte er geltend, daß die erste Veröffentlichung über Sont ochin von der Wehrmacht zu verantworten sei. Den Vorwurf, durch seine Veröffentlichung von Sontochindaten würden die USA in die Lage versetzt, den Deutschen mit einem neuen Malariamittel zuvorzukommen, wies er zurück. Am 16. Februar 1943 verbot Reichsärzteführer Conti telegraphisch die bevorstehende Wiener DTG-Tagung.

Mühlens war nun völlig deprimiert. Nauck schr ieb er vielsagend: ,,aber wir werden ja daran - trotz des vorgerückten Alters - nicht zu Grunde gehen." Doch Mühlens erlag wenig später, im Mai 1943, einem Herzinfarkt. Nach seinem Tod löste ihn im September 43 Nauck ab, der zunächst kommissarisch, bis zu seiner offiziellen Ernennung im Jahre 1947, das Hamburger Tropeninstitut le itete. Er besorgte auch die Liquidierung der DTG, die sich zu diesem Zeitpunkt faktisch bereits in Auflösung befand. Nach Kriegsende kam es zu einem langjährigen Rechtsstreit mit den Behörden der sowjetischen Besatzungszone, in deren Besitz sich das Vereinsvermögen befand. Denn Sitz der Gesell schaft war stets Leipzig gewesen, wo beim Verlag Ambrosius Barth Vater und Sohn Meiner all die Jahre die Kasse geführt hatte.

Zwischen 1945 und 1950 beschäftigte die ehemaligen Vorstandsmitglieder der Verlauf und die Folgen des Nürnberger Är zteprozesses. Einige der namhaftesten DTG-Mitglieder gehörten zum Kreis derjenige n Ärzte, die sich in den Augen der Weltöffentlichkeit Verbrechen gegen die Me nschlichkeit schuldig gemacht hatten. Unter ihnen Claus Schilling, der wegen u nethischer Malariaexperimente in Dachau angeklagt war und sich durch Selbstmord ei ner Verurteilung entzog. Ebenso Gerhard Rose, der wegen Fleckfieberexperimenten in Buchenwald vor dem Nürnberger Tribunal zur Rechenschaft gezogen wurde. Einige Tropenmedizi ner gehörten auch zu den deutschen Experten, die im Rahmen der Alsos-Mission von amerikanischen Militärexperten nach der deutschen Kapitulation vom 8. Mai 1945 befragt wurden. Das gilt besonders für Ernst Rodenwaldt, der sofort nach seiner Festnahme, den Siegern seine Dienste aktiv anbot und damit Erfolg hatte. Er verfaßte in ihrem Auftrag einen Forschungsbericht über den Gesamtbereich Hygiene, der in der bekannten FIAT (Field Intelligence Agency Technica l)-Reihe publiziert worden ist. In der gleichen Reihe veröffentlichte er einen Fo rschungsbericht zur 'Geomedizin'. Später stellte er mit Unterstützung der US-Navy die Seuchenkarten der Wehrmacht unter dem Namen 'Weltseuchenatlas' zusammen.

Und hier schließt sich der Kreis meiner Ausführungen. Rodenwaldt sprach in seiner FIAT- Bilanz von einer Rückbesinnung auf die Ära vor dem Kochschen Paradigma. Er betonte, der Anstoß zum erneuten Paradigmenwechsel, diesmal zugunsten einer Neomiasmatik im Zeichen Pettenkofers sei von der Tropenmedizin gekommen. Er schrieb: "Der...Lehre von den Krankheitse rregern als entscheidenden, wenn nicht alleinigen ätiologischen Faktoren ersc heint die Rolle des geographischen Milieus bedeutungslos. Nur Pettenkofer hielt daran fest, daß dem B oden in der Ätiologie der Infektionskrankheiten eine ent scheidende Rolle zukomme..." Erst ,,die Erforschung der Tropenkrankheiten - insbesondere der durch Insekten übertragenen -(zwang) dazu, die geomorphologische Situation zu analysieren, unter der die Überträger dieser Krankheiten ihre Lebensbedingungen finden..." Roden waldt hatte sich damit die Theorie von Martini und die epidemio logischen Erfahrungen von Zeiß zu eigen gemacht. Es gelang ihm, sein Expertenwis sen und seine Dienste geschickt an die Besatzungsmacht zu verkaufen. Er legte damit den Grundstein für die Nachkriegslegende, die ihn als den Nest or der deutschen Tropenmedizin sieht. Diese Sicht ist jedoch nicht unumstritten.